Walter Hasenclever


Walter Hasenclever: 1917

Gedichte Expressionismus Walter Hasenclever

Halte wach den Haß. Halte wach das Leid.
Brenne weiter am Stahl der Einsamkeit.

Glaub nicht, wenn Du liest auf Deinem Papier,
Ein Mensch ist getötet, er gleicht nicht Dir.

Glaub nicht, wenn Du siehst den entsetzlichen Zug
Einer Mutter, die ihre Kleinen trug

Aus dem rauchenden Kessel der brüllenden Schlacht,
Das Unglück ist nicht von Dir gemacht.

Heran zu den elenden Leichenschein,
Wo aus Fetzen starrt eines Toten Bein.

Bei dem fremden Mann, vom Wurm zernagt,
Falle nieder, Du, sei angeklagt.

Empfange die ungeliebte Qual
Aller Verstoßnen in diesem Mal.

Ein letztes Aug, das am Äther trinkt,
Den Ruf, der in Verdammnis sinkt;

Die brennende Wildnis der schreienden Luft.
Den rohen Stoß in die kalte Gruft.

Wenn etwas in Deiner Seele bebt,
Das dies Grauen überlebt,

So laß es wachsen, auferstehn
Zum Sturm, wenn die Zeiten untergehn.

Tritt mit der Posaune des jüngsten Gerichts
Hervor, o Mensch, aus tobendem Nichts!

Wenn die Schergen Dich schleppen aufs Schafott,
Halte fest die Macht! Vertrau auf Gott:

Daß in der Menschen Mord, Verrat,
Einst wieder leuchte die gute Tat;

Des Herzen Kraft, der Edlen Sinn
Schweb am gestirnten Himmel hin.

Daß die Sonn, die auf Gute und Böse scheint,
Durch soviel Ströme der Welt geweint,

Gepulst durch unser aller Schlag,
Einst wieder strahle gerechten Tag.

Halte wach den Haß. Halte wach das Leid.
Brenne weiter, Flamme! Es naht die Zeit.

Walter Hasenclever: Den Jammer einer leeren Zeit

Gedichte Expressionismus Walter Hasenclever

Den Jammer einer leeren Zeit
Streich mir aus meinem Haar,
Und etwas Güte und Frömmigkeit
Küsse mir in mein Haar,

Und etwas weiche, milde Nacht
Gib mir in Deinem Schoß,
Dann regnet, was so traurig macht,
Leise von uns los.

Walter Hasenclever: Die rote Laterne

Gedichte Expressionismus Walter Hasenclever

Auf einmal wird es menschenleer,
Als blieb die Straße stehn
Im Dunklen, und man hört nichts mehr
Als immer nur sein eignes Gehn.

Aus dieser abgeschiedenen Welt
Hebt sich in grauem Ton ein Haus.
Halb offen ist das Tor, es fällt
Ein matter Glanz aus ihm heraus.

Und nur der Glanz – sonst tot und leer.
Wie eigentümlich, diese Angst,
Mit der Du plötzlich immer mehr
Herein und nach der Klinke langst.

Wie eigentümlich dieser Mut,
Mit dem Du nun an nichts mehr denkst,
Auf einmal drin bist und den Hut
An irgend einen Nagel hängst.

Walter Hasenclever: Du sitzt im Café

Gedichte Expressionismus Walter Hasenclever

Du sitzt im Café. Du bist ein Name.
Da steigt aus der Musik erregtem Spiel
Das kalte Antlitz einer blassen Dame
Irr vor dir auf, wie ein begehrtes Ziel.
Du wirst sie nicht erreichen und nicht küssen.
Was ist ein Kuß vor deinem Liebessinn!
Doch später wirst du dich erinnern müssen,
Dann tritt die blasse Dame vor Dich hin.
Du mußt sie milde mit dir selbst versöhnen,
Mußt dich berühren wie ein Geigenstrich:
So strömt in schönen, unerhörten Tönen
Glück, das du nicht besitzt, über dich.

Walter Hasenclever: Entflieht den Jünglingen ...

Gedichte Expressionismus Walter Hasenclever

Entflieht den Jünglingen und werdet Greise!
Horcht. Seid geschickt. Im Spielen immer neu.
Fahrt nicht im Zug – fahrt langsam auf der Reise,
Und wenn ihr liebt, seid mutig und seid scheu.
Nicht mehr nach Brunst, nach weiser Überlegung
Erfindet euren Künsten Nerv und Kuß,
Und von der ersten bis zur Letzten Regung
Verwandelt alles Wollen in Genuß.
Die schönste Freude steigert so zur Wahrheit!
Verliert euch nicht! Seid mit euch selbst beengt,
Daß ihr, wie ein Begriff allmählicher Klarheit,
Fernlächelnd, leicht an der Geliebten hängt.