Winterblüte

Abend

Gedichte Christoph Müller Winterblüte

Abendrot
Lässt den Himmel bluten.
Sterbende Vögel versuchen,
Den letzten Sonnenstrahl zu fangen,
Verbrennen am Horizont.
Ascheregen
Überzieht die Wälder
Mit nächtlichem Schwarz.

Atem

Gedichte Christoph Müller Winterblüte

Ein Neugeborenes liegt rußig
Im blinden Schoß der Mutter.
Es blinzelt milchiges Licht
Unter dem Betonfirmament,
Zuckt bei jedem Trommelschlag,
Schreit den ersten Atemzug.

Blutknospen

Gedichte Christoph Müller Winterblüte

In deinen stillen Augen
Leuchten Bernsteinsonnen.
Dein braunes Haar
Floss in ein weiches Torfbett.
Wie strahlend du daliegst,
Meine weiße Mondbraut.
In deinem starren Schlund
Ruht eine süße Schlaffrucht;
Sie erstickte deine Klagerufe.
Dein blutiger Mund schweigt nun;
Von seinen Lippen
Perlen rote Tropfen.
Du atmest nicht mehr;
Kein Hauch liebkost
Meine sandige Haut.
Aus deinen grünen Narben
Wachsen Blumen.
Sie saugen dein Blut
In ihre Knospen.
Wie prächtig sie blühen.
Ich nehme deine Hand,
Sie ist rau und knöchern
Wie ein Zweig,
Und schmiege sie
An meine trockene Wange.
Deine Haut ist kalt und bleich,
Wie der Schnee,
Meine schöne Wintertote.
Ich lege mich zu dir nieder
Und küsse die Blutbäche
Von deinem Hals;
Ich werde nun zu dir sinken.
Unser Jadeschoß
Soll Frühlingsblüten gebären.

Die Stadt

Gedichte Christoph Müller Winterblüte

Tausend bleiche Monde
Drängen sich fahl
Durch die Gassen.

Maschinen aus Fleisch
Treiben hämmernd
Durch die Betonwunde.

Hier und da ein Schuss,
Ein brechendes Genick,
Ein Angstschrei.

Hungrige Blicke
Ziehen das Blut
Aus deinen Adern.

Aus den Rohren
Enthaupteter Vögel
Sickern verlorene Gärten.

Bunte Paradiese
Jagen grelle Splitter
In unsere Augen.

Ihr seid mein Fallbeil;
Trennt mich von meiner Blüte,
Seid mein Gnadenschuss!

Sie durchbrechen deine Brust,
Sprengen das Herz
Aus seinem Knochenbett.

Fassaden pressen uns
In die Straße;
Meine Haut reißt.

Wir platzen auf
Wie überreife Früchte,
Sinken in den Asphalt.

Ein Liebesbrief

Gedichte Christoph Müller Winterblüte

Reiche mir Deine Hand,
Meine geliebte Schwester.
Du streicheltest mein verklebtes Haar
In der Nacht unserer Geburt.
Sahst Du nicht mein gesplittertes Antlitz
In Deinen Händen schreien?
Dein Mund schmeckte bitter,
Als wir uns küssten.
Wir tranken gemeinsam aus blutigen Bechern;
Wir aßen von vergifteten Tafeln.
Ich schrie mein schwärzestes
In Deine blaue Dunkelheit.
Spürtest Du nicht meinen morschen Leib
In Deinen Beinen brechen?
Unsere Schritte versanken im Acker,
Wie meine Rosen in Deinem Blut.
Ich schenkte sie Dir,
Viele von meinen roten Blüten,
Auf deren Blättern der Frost silbern glänzte.
So fällt mir das Sterben manchmal leichter.
Ich stach auch in Deine Tulpe;
In diesen Nächten,
In denen die Leichen tanzten,
Öffnete ich Deinen schillernden Giftkrug.
Lege Deine Arme um meinen kühlen Körper;
Wärme mich mit den Rosen,
Die ich in Dich tauchte.
Doch Du bist nicht mehr bei mir;
Mein Winter ist kalt.
Ich muss im grauen Schnee
Liegen und frieren.
Der grüne Mond ist so fern.
Warte auf mich
Bei den Frühlingswiesen.
Es ist so kalt.