Während Du schläfst

An der Schwelle des Schlafes

10.10.2020
Gedichte Christoph Müller Während Du schläfst

An der Schwelle des Schlafes
Singst Du Dein Lied;
Du stehst alleine im Wald,
In Deinem Rücken der Riese.

Keine Mutter bei Dir,
Und Du wimmerst ganz leise
Den Abgesang Deines Tages
In Deine furchtsame Nacht.

Und ich suche für Dich
Nach Wiegeliedern
Und einem warmen Zimmer
In einer fernen Stadt.

Nach einem Haus
Für Deine Hand,
Mit unendlichen Räumen,
Mit unendlichen Träumen.

Während Du schläfst

16.02.2021
Gedichte Christoph Müller Während Du schläfst

Über den schlafenden Augen
Strahlen wie Städte bei Nacht,
Deine einsamen Orte,
Verborgen unter dem Haar.

Glimmen auf und verlöschen,
Zeichnen Grenzen und Zonen;
Kein Zug fährt so spät,
Manche schlafen schon.

Einige kauern und wachen,
Reißen die Träume auf
Aus erstorbenem Zittern –
Während Du schläfst.

Und an der Schläfe kann ichs spüren;
Du hast es sichtbar gemacht,
Hast Dein Deckhaar gerodet,
Sie zum Leuchten gebracht.

Reaktorkern

08.03.2021
Gedichte Christoph Müller Während Du schläfst

Unter der Kuppel aus Gesichtern,
Bist Du das brennende Herz;
Die Augen, die im Dunkeln sehn –
Ihr gebündelter Schmerz.

Du träumst es wieder und wieder:
Dass sie verbrannt ist als Kind.
Du bist die hellste der Sonnen,
Von Deiner Strahlung ganz blind.

Leuchtende Städte,
Voller Wärme und Glanz
Oder vergiftete Asche –
Es liegt in unserer Hand!

Lass uns die Kräfte entfesseln
Und mich Dein Abklingbecken sein!
Schrei es in meine Tränen!
Tauch Deine Stäbe in mich ein!

Puppenspieler

31.03.2021
Gedichte Christoph Müller Während Du schläfst

Kalt und hart und monoton –
Ihre Macht dringt von unten bis in Deine Spitzen.
Sie sind Deine Mutter, in Deiner Stimme ihr Ton,
Und ihr Gift brennt im Körper, Haken in allen Ritzen.

Deine Brüste fallen ab, morsche Knochen und Blut,
Frost auf tödlichen Augen und ein schreiendes Kind.
In Deinem traurigen Schädel züchten sie ihre Brut;
Deine Zunge wird Schlange in ihrem toxischen Wind.

Du schlägst mich an ihr Kreuz – Nagel für Nagel,
Fesselst mich mit den Fäden, an denen sie zerren.
Schönheit stirbt zittend in hassgefrorenem Hagel,
Wenn sie gebrochene Beine in ihren Keller sperren!

Ava

21.04.2021
Gedichte Christoph Müller Während Du schläfst

Nichts vergeht wie die Sekunde,
Als Du an meiner Seite warst.

Wir tranken einander und
Stießen tief in das Fleisch.

Flüsternd sprachst Du ihre Namen;
Meiner war einer davon.

Für eine Stunde vergruben wir uns,
Blühten auf zur gleichen Zeit.

Ich bin einer von vielen,
Und meine Saat ist leer –

Du bist der Samen,
Unser Geist ihre Welt:

Ava, gestiegen aus klarem Wasser,
Emporgehalten aus dem Seerosenteich.

Und die seelenlose Amme
Liegt im Keller und fault;

Der lächelnde Scherge,
Vergeht in seinen Ketten.

Im Lichte des Tunnels
Hängen entleibte Figuren;

Aus ihren geblichenen Knochen
Wachsen Deine Zähne.

Und im zerschmetterten Glas
Erstrahlt Regenbogenlicht – für Dich!