Traumnarben

Traumnamen

14.10.1996
Gedichte Christoph Müller Traumnarben

Im Schlaf hatte ich noch Augen,
Doch nun blinde ich umher;
Meine Namen entfielen mir,
Nichts kenne ich mehr.

Singe du nur deine Lieder,
Wiege mich ruhig in ihnen ein;
Dein Traum soll in meinen Augen –
Ein Name sein?

O du irrst vor meinem Antlitz,
Dieser Name bin ich nicht;
Und deine Küsse brennen durstig
Auf dem Lügengesicht.

Falle nicht darauf hinein,
Lasse die Masken weichen;
Wir sind nur hungrige Räuber,
Tanzen lachend über Leichen.

Und trunken vor Gier,
Besessen von Macht,
Taumeln wir schlachtend und fressend
Durch die tödliche Nacht.

Nachts

07.12.1995
Gedichte Christoph Müller Traumnarben

Wenn alles dunkel ist,
Die Städte nicht mehr brennen,
Sinkt der Mond,
Taucht in mein Haupt.

Wenn alles steht,
Die Straßen nicht mehr fließen,
Sind Blätter Dächer
Über meinen Wegen.

Wenn alles ruht,
Die Körper nicht mehr zucken,
Ein Festmahl für
Die Geier sind;

Wenn all die Waffen
Nicht mehr donnern,
Flügel aus der
Asche steigen;

Wenn all die Herzen
Nicht mehr schlagen,
All die Stimmen
Nicht mehr klagen –

Wenn alles still ist,
Die Nacht blau
Die Pfade deckt,
Trinke ich den Himmel.

Niederschlag

18.03.1995
Gedichte Christoph Müller Traumnarben

Regen fällt quecksilbern
Durch die kalten Lichter
Steinerner Affenkäfige.
In den Gossen
Driften vergilbte Körper.
Kreischende Hälse schnappen
Nach fauligen Geburten.
Sie schlafen,
Sie spielen,
Sie betrinken sich mit Träumen.
Augen sind zugewachsen;
Licht blendet blumig
Durch ihre Lider.
Die Sonne vergoldet
Lügnerisch die Szenerie.
Glas spritzt aus den Fenstern;
Durch die Straßen
Stürmen Scherben,
Reißen Blut aus den Häuten.
Niederschlag wäscht
Schleimig Farbe in den Fluss;
Die Leiber fließen
Rötlich in das Silber,
Ebnen meinen blutigen Spiegel.

Gewitter

10.02.1995
Gedichte Christoph Müller Traumnarben

Motoren rasen blendend
Durch mein Gesicht;
Wind verbrüllt die Ohren.
Gras weht vorbei;
Säure biegt durch Halme.
Alles so schnell,
Alles so laut.
Es hagelt Äste,
Und die Blätter –
Sie drehen sich
In den Schreien der Bäume.
Meine Sicht strudelt;
Strahlen fallen aus Fenstern;
Aus Türen rennen Straßen.
Das Licht ist nass;
Die Schritte kleben.
Die Iris saugt hinauf:
Mein Schatten am Vorhang.
»Mein Kind, es ist spät;
Gehe zu Bett!«
Ich kann nicht schlafen;
Meine Träume sind furchtbar.
Es ist alles so kreischend;
Ich muss mich nicht hören.
Wäre es leise –
Nichts würde ich hören.
Schon wieder bebt
Ein Blitz in meinen Rücken;
Ich muss fort.
Niemals still;
Nicht schlafen,
Nur nicht schlafen.
Meine Träume sind furchtbar.
Ich krüppele weiter
Durch Friedhofsstätten –
Die Friedhofsstadt.
In den Häusern ist es dunkel;
Sie schlafen schon.
Ihre Träume sind furchtbar.
Ich bin nicht bei ihnen;
Ich stehe im Sturm.
Blicksucht dürstet nach Lichtschein;
Ich schlürfe eine Flamme.
In den Brunnen
Leuchtet Phosphor;
Wir können das
Feuer nicht löschen.
Immer trinken,
Immer brennen.
Meine Augen schwirren;
Ich schreie Tollwut
In meine Zelle;
Ich erschieße uns alle.
Das Licht ist rot,
Und Blut ist Milch.

Sturmnacht

20.02.1995
Gedichte Christoph Müller Traumnarben

Wind hetzt Augen
Durch die Atmosphäre;
Aus Wolkenzügen
Gleißt der Mond.
Bäume wachsen
Violett aus der Luft;
Schatten sprechen Horizont.
Regen sprengt Tränen
Von Wangen;
Zungen tasten Blut.
Herzschläge zerreißen Adern;
Köpfe entfesseln Schreie.
Die Nacht ist unser,
Fressen wir sie auf!
Arme fesseln Fleisch;
Fingernägel graben Besitz.
Zähne kauen Küsse
In die Haut,
Körper verglühen,
Asche fällt in Betten.
Graues Erwachen
Auf treibender Stätte:
Sturm weht die Welt.