Frieden statt Erlösung

Im Dunkeln

06.10.2019
Gedichte Christoph Müller Frieden statt Erlösung

Für Rebecca

Die Beine erstarrt und der Blick tief gesunken;
Jugend steht still und schaut hinter uns her.
In den Räumen fällt Schnee; die Musik ist verklungen,
Und erloschene Kerzen wärmen uns nicht mehr.

Wir müssen raus aus den Mauern, die uns langsam zerdrücken;
Such nicht weiter das Licht, denn das Ziel liegt im Dunkeln.
Ein Zittern im Herz und den tränenden Blicken,
Wenn an unserem Himmel tausend Sterne funkeln.

Öffne die Tür und zerschmetter das Glas,
Lass die Schreie heraus, trag Dein Blut auf den Wangen.
Durchschreite mit mir in der Nacht schwarzes Gras;
Wenn der Boden auch bebt – wir sind eiserne Stangen!

In die Bäume fällt Schnee, wir halten uns eng umschlungen;
Durch unsre Beine zuckt Licht, und die Haut leuchtet rot.
Wenn die Augen sich schließen über kreisenden Zungen,
Glüht der Erdboden grün, pulsiert Leben im Tod.

Phönix

09.11.2019
Gedichte Christoph Müller Frieden statt Erlösung

Für Rebecca

Eisige Blicke treiben Dich durch den Saal;
Du läufst immer in Kreis, keine Sicht durch den Nebel.
Deine Muskeln versteinern, jedes Wort eine Qual,
Und das Gift sickert dumpf in den pulsierenden Schädel.

Deine Stimme zerfällt, und Dein Körper reißt auf;
Flammen aus Deinen Beinen schlagen in das Gesicht.
Ein Schrei zieht Dich runter, Zittern bricht Deinen Lauf;
Ich spüre die Hitze, doch ich erreiche Dich nicht.

Ich sitze am Boden, fühle all Deine Messer,
Zieh sie langsam heraus, spür Dein Blut auf der Haut.
Rußige Wände im Gefängnis der Fässer;
Deine Asche wird Fleisch, und der Morgen graut.

Du richtest Dich auf, hebst Dein Schwert und die Flügel,
Fliegst die Treppe empor in mein offenes Herz.
Du bist nicht verbrannt, wir durchschneiden die Zügel,
Und Schönheit treibt Wurzeln unter all diesen Schmerz.

Unser Traum

27.02.2020
Gedichte Christoph Müller Frieden statt Erlösung

Für Rebecca

In uns frisst sich Kälte, stürmt Novemberwind,
Wenn wir Arm in Arm liegen, hier im dunkelsten Raum.
Du bist die stolzeste Frau und mein weinendes Kind;
Wir halten fest aneinander, finden nicht in den Traum.

Schreite weiter voran, bist Du auch blind für den Weg –
Nimm einfach fest meine Hand, vertraue auf meine Sicht!
Glaub an unsere Worte und nicht an ihr Sakrileg;
Auch wenn Du es nicht siehst – ich halte Dein schwarzes Licht!

Schluck für Schluck in den Keller, ich geh mit Dir dort hinab;
Schwarzer Schnee weht durchs Fenster auf unsre glühende Haut.
In meinem Kopf steh ich weinend, leg Dir Blumen aufs Grab;
Dann kommst Du, küsst mich tief und bist die strahlendste Braut!

Unser Traum ist ein Ort hinter tausenden Gittern,
Und unsre brennenden Herzen schmelzen nun Stab für Stab.
Gib nie auf und schau hin, wenn Deine Augen auch zittern
Um im Spiegel zu sehn, dass es Dich immer schon gab!

Blick Dir tief ins Gesicht, leg Deine Hand auf die Wangen;
Spür Deinen Puls – dass Du lebst, hier mit all Deiner Lust!
Und fühl die Schönheit in Dir, unter all Deinem Bangen,
Wenn unsre Zeit stehen bleibt, in einem ewigen Kuss!

Geister in Flaschen

15.03.2020
Gedichte Christoph Müller Frieden statt Erlösung

Für Rebecca

Gib bitte nicht auf, Du bist nicht allein,
Und lass alles hinaus, sieh meine Augen beben!
Fühle Dich mit mir in dem Leiden vereint;
Wenn unser Schreien beginnt, schreit auch das Leben!

Das Licht flackert aus, und wir fallen hinab;
Du wendest Dich ab, doch ich halte Dich fest!
Ich spüre Dich zittern, steige mit Dir ins Grab;
Wir stehen das durch – bis zum letzten Rest!

Reiß ihre Hand von den Lippen, führ mich tief in den Keller!
Sag mir, was Du siehst, und lass mich nicht blind!
Deine Worte sind leise, und Dein Herzschlag wird schneller;
In Deinen Augen, die suchen, erblick ich das Kind!

Geister in Flaschen schlafen in den Regalen;
Getrocknetes Blut auf dem Boden im Raum.
Die Tränen im Holz zeugen von Deinen Qualen;
Ich hab keine Angst – nimm mich mit in den Traum!

Die Gesichter sind tot und vom Schädel gefallen,
Sie kleben auf Flaschen, voll mit tödlichem Gift.
Hinter grünlichem Glas klaffen gierige Krallen;
Sie lassen Dich brennen auf ihrem sinkenden Schiff!

Harre aus und bleib hier – wir sehen das Licht!
Die Flammen erlöschen, und es bleibt unsre Hitze!
Wir sind ganz nah beieinander – ich sehe Dich!
Über unsere Körper zucken purpurne Blitze.

So soll es bleiben, für immer und immer –
Auf ewig vereint, hier im finstersten Reich!
Nebel aus Lust durchflutet das Zimmer,
Und wir füllen uns tief mit des anderen Fleisch!

Du gehtst vor mir nieder, auf Deinen blutigen Knien,
Öffnest Augen und Mund, nimmst mich fest in in die Wangen.
In der Nacht, als der Tod durch das Fenster schien,
Haben wir uns geboren aus dem tiefsten Verlangen!

Im Mondlicht

09.04.2020
Gedichte Christoph Müller Frieden statt Erlösung

Für Rebecca

Spürst Du unsre Schatten im Mondlicht am Rhein?
Unter den Bäumen hört man das Knistern der Schritte.
Wir liegen vergraben unter Totholz und Stein,
Und ein Strunk voller Kerzen steht in unserer Mitte.

Leise regt sich ein Wimmern unter unserer Last,
Unsre Hitze und Wut dringen durch Zunge und Faust,
Schlagen durch in die Freiheit – mit jedem Ast;
Zerkratzt und gepeinigt bäumen wir uns heraus.

Hand in Hand schreiten wir, schreien tief in die Nacht;
Es gibt kein Zurück mehr für Dich und für mich!
Das schwarze Wasser des Stroms hat uns zusammengebracht;
Wir gehen nachts durch den Tunnel und sind selber das Licht.