Alfred Lichtenstein

Alfred Lichtenstein: Der Volkston

Gedichte Expressionismus Alfred Lichtenstein

So lebt man nun sein Leben hin
In grauem Alltagskleid.
Und trachtet nur nach Geldgewinn
Und bringt es doch nicht weit…
Nur’s Nötigste, wenn viel gelingt,
Man grade noch erwirbt.
Man trinkt und ißt und ißt und trinkt
Und lebt und strebt und stirbt.

Ich weiß nicht, wozu man denn lebt
In all dem Schlamm und Dreck!
Ich weiß nicht, wozu man denn strebt
Ganz ohne Ziel und Zweck …
Ich klebe noch am selben Ort,
Komm nicht vom Alltag frei.
Trübselig fließt mein Dasein fort
In ewgem Einerlei …

Ich bin doch nur ein Alltagskind,
Bespritzt vom Alltagskot.
Als Blut in meinen Adern rinnt
Der liebe gute Tod …
So bring‘ ich nun mein Leben hin
In grauem Alltagskleid.
Und wenn ich einst gestorben bin,
Kein Hahn mehr nach mir schreit.

Alfred Lichtenstein: Die Dämmerung

Gedichte Expressionismus Alfred Lichtenstein

Ein dicker Junge spielt mit einem Teich.
Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.
Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,
Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.

Auf lange Krücken schief herabgebückt
Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.
Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt.
Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.

An einem Fenster klebt ein fetter Mann.
Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.
Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.
Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.

Alfred Lichtenstein: Die Operation

Gedichte Expressionismus Alfred Lichtenstein

Im Sonnenlicht zerreißen Ärzte eine Frau.
Hier klafft der offne rote Leib. Und schweres Blut
Fließt, dunkler Wein, in einen weißen Napf. Recht gut
Sieht man die rosarote Zyste. Bleiern grau

Hängt tief herab der schlaffe Kopf. Der hohle Mund
Wirft Röcheln aus. Hoch ragt das gelblich spitze Kinn.
Der Saal glänzt kühl und freundlich. Eine Pflegerin
Genießt sehr innig sehr viel Wurst im Hintergrund.

Alfred Lichtenstein: Die Schlacht bei Saarburg

Gedichte Expressionismus Alfred Lichtenstein

Die Erde verschimmelt im Nebel.
Der Abend drückt wie Blei.
Rings reißt elektrisches Krachen
Und wimmernd bricht alles entzwei.

Wie schlechte Lumpen qualmen
Die Dörfer am Horizont.
Ich liege gottverlassen
In der knatternden Schützenfront.

Viel kupferne feindliche Vögelein
Surren um Herz und Hirn.
Ich stemme mich steil in das Graue
Und biete dem Morden die Stirn.

Alfred Lichtenstein: Die Siechenden

Gedichte Expressionismus Alfred Lichtenstein

Verschüttet ist unser Sterbegesicht
Von Abend und Schmerzen und Lampengesicht.

Wir sitzen am Fenster und sinken hinaus,
Fern schielt noch Tag auf ein graues Haus.

Unser Leben spüren wir kaum …
Und die Welt ist ein Morphiumtraum …

Der Himmel senkt sich nebelblind.
Der Garten erlischt im dunklen Wind –

Kommen die Wächter herein,
Heben uns in die Betten hinein,

Stechen uns Gifte hinein,
Töten den Lampenschein.

Hängen Gardinen vor die Nacht …
Sind verschwunden sanft und sacht – – –

Manche stöhnen, doch keiner spricht,
Schlaf versargt uns das Gesicht.