Alfred Lichtenstein

Alfred Lichtenstein: Angst

Gedichte Expressionismus Alfred Lichtenstein

Wald und Flur liegt tot in Schutt und Scherben.
Himmel klebt an Städten wie ein Gas.
Alle Menschen müssen sterben.
Glück und Glas, wie bald bricht das.

Stunden rinnen matt wie trübe Flüsse
Durch der Stuben parfümierten Sumpf.
Spürst du die Pistolenschüsse –
Ist der Kopf noch auf dem Rumpf.

Alfred Lichtenstein: Bleicher Schattenschleicher

Gedichte Expressionismus Alfred Lichtenstein

Umschwirrt von tausend trunknen Schmetterlingen,
Die mit wunden Flügelpaaren
Kleine leise Lieder singen
Glühen in den stummen Straßen
Weiße Ampeln müd und kalt
Sprühen nackte blasse Flammen
Wie die dürren Totenträume
In das dunkle Liebesflüstern
Laubverhangner Straßenbäume
Spielen schmale wirre Lichter
Dann und wann um die Gesichter
Bleicher
Tagesscheuer Schattenschleicher.

Alfred Lichtenstein: Capriccio

Gedichte Expressionismus Alfred Lichtenstein

So will ich sterben:
Dunkel ist es. Und es hat geregnet.
Doch du spürst nicht mehr den Druck der Wolken,
Die da hinten noch den Himmel hüllen
In sanften Sammet.
Alle Straßen fließen, schwarze Spiegel,
An den Häuserhaufen, wo Laternen,
Perlenschnüre, leuchtend hängen.
Und hoch oben fliegen tausend Sterne,
Silberne Insekten, um den Mond –
Ich bin inmitten. Irgendwo. Und blicke
Versunken und sehr ernsthaft, etwas blöde,
Doch ziemlich überlegen auf die raffinierten,
Himmelblauen Beine einer Dame,
Während mich ein Auto so zerschneidet
Daß mein Kopf wie eine rote Murmel
Ihr zu Füßen rollt…

Sie ist erstaunt. Und schimpft dezent. Und stößt ihn
Hochmütig mit dem zierlich hohen Absatz
Ihres Schuhchens
In den Rinnstein –

Alfred Lichtenstein: Der Angetrunkene

Gedichte Expressionismus Alfred Lichtenstein

Man muß sich so sehr hüten, daß man nicht
Ohn jeden Anlaß aufbrüllt wie ein Tier.
Daß man der ganzen Kellnerschaft Gesicht
Nicht kurz und klein haut, übergießt mit Bier.

Daß man sich nicht die ekle Zeit verkürzt,
Indem man sich in einen Rinnstein legt.
Daß man sich nicht von einer Brücke stürzt.
Daß man dem Freund nicht in die Fresse schlägt.

Daß man nicht plötzlich unter Hundswauwau
Die Kleider sich vom feisten Leibe reißt.
Daß man nicht irgendeiner lieben Frau
Den finstern Schädel in die Schenkel schmeißt.

Alfred Lichtenstein: Der Gerührte

Gedichte Expressionismus Alfred Lichtenstein

Ich habe gern verlassen
Den lauten Tod der Stadt,
Der tausend Fratzen hat,
Die gelbe Nacht der Gassen.

Ich schreite in den weiten,
Silbrigen Himmel ein:
Die frommen Glieder gleiten
Tief in das sanfte Sein.

Ich bin im weißen Leuchten
Von Wolke, Wiese, Wind.
Bin Baum, bin Dorf, bin Kind…
Wie sich die Augen feuchten –

Bald wird am Silberende
Der grüne Abend stehn…
Ich hebe selge Hände –
Will ihm entgegengehn –