Die Herzen der Liebenden

09.04.2020
Gedichte Christoph Müller Nachtschreck

Du zitterst überall,
Kratzt Dir die Tränen
Aus den Augen
Und hängst stumm
Die Herzen der Liebenden
An Dein Drahtseil.

Blickst leer
In die Regale,
Greifst
Wie ein Roboter zu,
Um Feuer
Mit Benzin
Zu löschen.

Und es brennt
So sehr,
Und es brennt
Noch mehr!

Doch Du wandelst im Schlaf
Und siehst nicht,
Dass es brennt!
Manchmal spürst Du es,
Aber Du vergisst
So schnell,
So unglaublich schnell …
Es ist alles so HELL …

Die Tränen trocknen
So rasch!
Kopf hoch,
Mädel!
Immer schön
Haltung bewahren!

Und Du wankst
Im Schlaf,
Du versteckst
Den Brennstoff,
In Dir,
In Deinem Haus,
In Deinen Lügen.

Kein Oben,
Kein Unten.
Nur dieses Bündel,
Zusammengekauert
Auf dem
Schwankenden Seil.

Es schmeckt
Wie das Metall
Eines Sarges,
Den niemand
Jemals
Öffnen sollte!

Dabei duftet es doch
So gut!
So verführerisch!
Du willst es doch
So sehr!
DU WILLST ES DOCH
AUCH!
Oh ja, Du willst es!
Du kannst
Gar nicht anders!

DU KANNST
GAR NICHTS ANDERES,
Das ist
DEIN SCHICKSAL,
Nimm es doch
Einfach an!
Schalt Dich an!
Und SCHALT DICH AUS!
Sei doch nicht
So UNDANKBAR!
Freunde sind doch dazu da,
Um einem zu helfen!

Wir sind doch
EINE FAMILIE!
Ich sehe schon,
Jetzt WILLST DU
Es WIRKLICH!

Du schreist
In Dich rein:
»Gib mir bitte
MEINEN SELBSTMORD zurück,
Stich mir
Die Augen aus,
Damit es keiner sieht!«

Und Du
Verbrennst
Deine Gefühle,
Damit Du Dich nicht siehst!
Damit Dich niemand sieht!
Damit ES niemand sieht!
Damit SIE
Ihre Ruhe haben
Bist Du:

Stumm und still,
Alleine,
TOT!

Tu Du Dir doch weh,
Damit Du
Niemandem
Weh tust!
Und sag:
»ALLES OKAY!«

WIE SCHÖN,
DASS ES
DIR GUT GEHT!

Niemand sollte
Es je sehen,
Das haben
Sie Dir gesagt.
Und sie haben
Ihre Pissfinger
Auf Deinen Mund gepresst
Damit Du niemals sprichst.
Damit Du
Niemals schreist!
Niemals aufbegehrst!

In diesem Lärm
In Deinem Kopf
Kann Dich sowieso
Niemand hören!

Braves Mädchen,
Trink nur schön
DEINE Medizin!
Und lass Dich
FICKEN
Und
FICKEN
Und
FICKEN!

Immer schön
Bücken
Und am Liebsten
DU
AUF DEM RÜCKEN!
Auf dem Holz,
Auf der Werkbank,
Eingespannt
In Ihre
SchraubZWINGEN!

Und
Schicht für Schicht
Zerstörten sie
DAS ICH!

Aber fürs ICH-SEIN
Hatten sie eine Ersatzdroge,
Füllmaterial
Für eine
Ausgebrannte
Kinderseele.
Damit auch Du
GROSS UND SCHWACH wirst!

Sie haben Dir
Die Flasche
In den Hals gerammt
Und mit ihren
Dreckigen Stimmen
Befohlen:
»Das ist jetzt Deine Muttermilch!«
Und es war
DEINE MUTTERMILCH.

Und es ist
DEINE MUTTERMILCH,
Weil Du immer noch
Vater und Mutter
SUCHST.
Weil Du Dich selber
Nicht findest.

Weil
Das Spiegelbild
Leer ist
Im Spiegel
Aus metallischem
GIFT.

Weil Deine SehnSUCHT
Eine Einbahnstraße ist,
Mit einem Abhang
AM ENDE.

Weil Du daran glaubst,
Dass Du nichts bist.
Weil Du IHNEN glaubst!
Dass Du nicht bist,
Folglich nicht vergehen kannst,
Weil es Dich sowieso nie gab!

Aber Du wolltest
Gefunden werden,
Du wolltest
SICHTBAR werden!

Und ich habe
DICH gesehen
In Deiner vergorenen Milch,
Die Deinen Körper
ZERFRISST
Und
Deine Seele
ERTRÄNKT.

Warum hasst
Du SIE nicht?
WARUM HASST
DU SIE NICHT?

Sie hassen Dich;
Sie wollten Dich
VERBRENNEN,
Damit Du niemals fliegst!
Damit Du niemals fliehst!

Und IHR WEG,
Ihr Drahtseil ist zu schmal,
Um darauf zu gehen!
Sie sagen:
»Das ist der
Einzig sichere Weg
Für Dich!«
In den
ABSTURZ!

Du brauchst
Keine Mutter mehr.
Du brauchst
DICH!
Du bist groß geworden,
Wunderschön,
Sanft
Und
Brutal!

Und Du bist KLUG!

Deine Angst
Macht Dich stark,
Liebevoll und sanft.
Aber sie tötet Dich nicht!
Warte gemeinsam mit ihr,
Zitternd,
Und sie wird Dich
UMARMEN!

Sie wird Dich an
Ihre Brust nehmen
Und Dir all Ihre
LIEBE schenken!

Sie ist in Wahrheit
Ein freundliches Gesicht
In Deiner Dunkelheit;
Sie will Dich
BEHÜTEN!

SIE haben
Dir gesagt,
Dass es IMMER
So weitergehen wird.

ES HÖRT NIEMALS AUF,
Wenn Du nur
Das Drahtseil
Siehst.
WENN DU
WEITER SCHWANKST!

Nimm die Herzen
Der Liebenden
An Deine Brust,
Sie sind Dein
Fallschirm!

LASS DICH FALLEN,
Und Du wirst
Sanft landen,
Auf Deinem
Eigenen Weg!

WIR
LIEBEN
DICH!